Was die Lancet-Daten wirklich zeigen
Über weite Teile des zwanzigsten Jahrhunderts hielt sich eine beruhigende Erzählung über Alkohol: eine J-Kurve, nach der ein bisschen angeblich dem Herzen hilft und nur starker Konsum schadet. Dieses Bild zerbrach 2018, als Wood und Kollegen Individualdaten aus 83 prospektiven Studien mit 599.912 aktuellen Trinkerinnen und Trinkern zusammenfassten und das Ergebnis in The Lancet veröffentlichten. Die Referenzlinie für eine niedrigere Gesamtsterblichkeit lag bei rund 100 Gramm reinem Ethanol pro Woche — ungefähr fünf britische oder sieben US-Standardgetränke. Oberhalb dieser Linie waren zusätzliche 100 g pro Woche in der Kohortenanalyse mit ungünstigeren bevölkerungsbezogenen Risikoassoziationen und höherem kardiovaskulären Risiko verbunden (Herzinfarkt allein ausgenommen). Das ist Forschungskontext, keine persönliche Prognose.
Die Global-Burden-of-Disease-Analyse 2020 ging noch weiter. Über 204 Länder und 23 Altersgeschlechtsgruppen hinweg schloss GBD, dass das Konsumniveau, das den Gesundheitsverlust minimiert, für Menschen zwischen 15 und 39 Jahren faktisch null beträgt und für Ältere mit etabliertem kardiovaskulärem Risiko sehr niedrig (ungefähr ein kleines Getränk pro Tag). Eine gesonderte Metaanalyse von Zhao und Kollegen 2023 in JAMA Network Open prüfte 107 Kohortenstudien neu und fand, dass der scheinbare Schutzeffekt bei moderaten Dosen weitgehend verschwindet, sobald man den „Sick-Quitter"-Bias korrigiert — das Phänomen, dass Menschen mit dem Trinken aufhören, weil sie bereits krank sind.
Die ehrliche Lesart der aktuellen Literatur lautet: Die Kurve ist nicht J-förmig, sondern nahezu monoton. Das 2025-Advisory des US-Surgeon-General zu Alkohol und Krebsrisiko bestätigt denselben Punkt — kein Konsumniveau ist risikofrei, und das Risiko steigt kontinuierlich mit der Dosis.
